Die
Privatbrauerei Schwelm steht vor dem endgültigen
Aus. Bis zum Stichtag 31. Januar kam es zu
keiner Einigung mit dem Interessenten, dem
Verhandlungsexklusivität zugesichert worden war.
Die Eigentümer des Areals am Neumarkt, Heidrun
und Dr. Rolf Lohbeck, ziehen deshalb nun einen
Schlußstrich und kümmern sich ab sofort um die
„Verwertung der Immobilie“.
Ein türkischer Interessent aus Schwelm mit
Geldgebern aus Kasachstan, so berichtete Dr.
Lohbeck gestern dem Stadt-Anzeiger, habe die
Brauerei übernehmen wollen. Die geforderte
Bürgschaft sei jedoch nicht beigebracht worden,
die Verträge seien nicht bis zum 31. Januar
unterzeichnet worden. „Wir wären zur
Unterschrift bereit gewesen“, betont Dr. Lohbeck,
„doch nun wollen wir nicht länger warten und
noch mehr Geld verlieren“.
Insolvenzverwalter Manfred Gottschalk teilte
gestern auf Nachfrage des Stadt-Anzeigers mit,
er habe die Verhandlungsexklusivität für den
Interessenten „auf unbestimmte Zeit“ verlängert,
alles sei „im Fluss“. Das Ehepaar Dr. Lohbeck
ist jedoch zu keiner Verlängerung bereit und
will auch keine weiteren Verhandlungen führen:
„Wir verpachten jetzt gar nicht mehr, sondern
konzentrieren uns aufs Verkaufen.“
Vom Stadt-Anzeiger befragt, was ein solcher
Schritt von Dr. Lohbeck für das
Traditionsunternehmen von 1830 bedeuten würde,
sagte Insolvenzverwalter Gottschalk: „Dann
bringt er die Brauerei um.“
Der Unternehmener seinerseits verweist darauf,
dass er die defizitäre Brauerei seit Jahren mit
erheblichem finanziellen Aufwand am Leben
gehalten habe. Verluste und Investitionen
summierten sich seit dem Jahr 2001 auf 14,4
Millionen Euro, hinzu kam der Kaufpreis von rund
1,75 Millionen Euro – macht unterm Strich mehr
als 16 Millionen Euro. „Hätte ich für dieses
Geld Wasserbrunnen in Nigeria gebohrt statt die
Brauerei Schwelm am Leben zu halten, hätte ich
das Bundesverdienstkreuz bekommen“, meint Dr.
Lohbeck. Jahrelang hätten die Mitarbeiter und
ihre Familien, aber auch viele Handwerker vor
Ort, davon profitiert, dass er die Brauerei aus
privaten Mitteln „gesponsert“ habe.
Bekanntlich ließ sich der Niedergang der
Brauerei trotz aller Bemühungen nicht stoppen,
der Bierausstoß der Schwelmer Marken sank bis
Ende 2009 auf 46.800 Hektoliter. Hinzu kamen
rund 1.800 Hektoliter Schlegel-Bier, die am
Neumarkt gebraut wurden. Der Absatz brach 2009
um weitere 15 Prozent ein, nachdem er bereits
2008 um 18 Prozent gesunken war.
Nach Angaben des Insolvenzverwalters hatten sich
die Zahlen zuletzt „stabilisiert“, laut
Marketingleiter Stefan Jukic wurde in den
letzten Monaten 2009 in etwa das Vorjahresniveau
erreicht: „Wir sind nicht unzufrieden mit dem
laufenden Geschäft.“
Im
Januar 2010 lag der Ausstoß nach Informationen
von Dr. Lohbeck allerdings lediglich im Bereich
von 2.500 Hektolitern. Auch Jukic räumte ein,
der Monat sei „nicht zum Brüllen“ gewesen. Die
Wintermonate seien allerdings für
Bierproduzenten traditionell eine schwächere
Zeit.
In dieser Woche folgte dann ein weiterer
Tiefschlag für die Brauerei: Der Gevelsberger
Kirmesverein teilte mit, dass beim Kirmesabend
und bei der Hammerschmiedfete kein Schwelmer
Bier mehr ausgeschenkt werde.
„Die Brauerei hat ihre Chance gehabt“,
resümierte Dr. Lohbeck gestern im Gespräch mit
dem Stadt-Anzeiger, „doch die Absatz-Talfahrt
ging ungebremst weiter“. Dass das
traditionsreiche Unternehmen, das in diesem Jahr
180-jähriges Bestehen gefeiert hätte, nun am
Ende sei, gehe ihm nahe, so der Unternehmer. Er
habe auch selbst noch einmal die Möglichkeiten
zur Fortführung in eigener Regie über eine
Transfergesellschaft geprüft. „Dann musste ich
aber in einem Gutachten des Insolvenzverwalters
lesen, dass die ,Mitarbeiter nicht mehr bereit
waren, eine Sanierung mit den Altgesellschaftern
zu unterstützen’. Da habe ich den tieferen Sinn
eines Stendhal-Wortes verstanden: ,Wer die
Menschen kennt, liebt die Tiere.’“
„Durchhalten bis April“, so lautete gestern
Nachmittag noch die Devise von
Brauerei-Marketingleiter Stefan Jukic. Bei gutem
Wetter könne dann der Bierabsatz anziehen. Das
Insolvenzrecht hätte eine Fortführung des
Betriebs bis Ende November erlaubt. Mit der
Entscheidung der Eigentümer für einen Verkauf
des Geländes und gegen weitere Verhandlungen
über eine mögliche Verpachtung sind die Tage der
Brauerei im Herzen der Stadt nun jedoch wohl
endgültig gezählt.. |